BSR 45 Massenpsychose condensed (pt. 2)

Im Teil 1 dieses Blog-Beitrags wurde die Vorgeschichte beleuchtet, durch die das Auftreten von Massenpsychosen begünstigt wird. In diesem 2. Teil schauen wir uns an, wie Massenpsychosen entstehen.

Die Voraussetzungen

Damit ein Prozess der Massenpsychose beginnt, müssen in einer Gesellschaft insbesondere folgende vier Voraussetzungen bei einer kritischen Masse der Bevölkerung erfüllt sein:

  1. Ein weitreichendes Gefühl von Vereinsamung, sozialer Isolation oder fehlender sozialer Verbundenheit in der Bevölkerung. Dies ist am ehesten in hochindustrialisierten Ländern der Fall. Zahlreiche „Errungenschaften“ tragen dazu bei, wie z.B. eine hochgradige Arbeitsteilung und eine zunehmende Virtualisierung sozialer Interaktionen.
  2. Dies führt zu einer empfundenen Sinnlosigkeit des Lebens. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der seinen Sinn und seine Identität aus dem sozialen Miteinander erfährt. Entferne das soziale Band und die Verbundenheit und der Sinn des eigenen Daseins geht verloren.
  3. Ein weit verbreitetes Vorhandensein von diffusen Ängsten, Unsicherheit und psychischem Unbehagen. Solche Ängste sind mental schwierig zu kontrollieren und können leicht in Panik umschlagen, was den am wenigsten erwünschten Zustand für einen Menschen darstellt. Um das Diffuse zu konkretisieren und mental besser kontrollierbar zu machen, suchen Menschen Objekte, auf die sie ihre Ängste und ihr Unbehagen projizieren können.
  4. Dies wiederum führt zu diffuser Frustration bis hin zu Aggression. Menschen, auf die Einsamkeit und diffuse Ängste beunruhigend wirken, sind im Allgemeinen irritiert, frustriert oder gar aggressiv und suchen nach Objekten (oder auch Subjekten), an denen sie sich abarbeiten können.

Der Auslöser

Wenn die vorstehenden vier Voraussetzung in einer Gesellschaft in hohem Maße erfüllt sind, bedarf es lediglich eines Katalysators, eines Ereignisses, eines Narratives, das auf ein angstauslösendes Objekt hinweist und gleichzeitig eine Strategie zum Umgang mit diesem angstauslösenden Objekt anbietet. In diesem Augenblick ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich alle vorhandenen diffusen Ängste auf dieses Objekt konzentrieren und dass es eine breite Unterstützung zur Umsetzung der Strategie zum Umgang mit dem Objekt der Angst geben wird.

Daraus resultiert ein eindeutiger psychologischer Gewinn in dreierlei Hinsicht:

  1. Aus der zuvor diffusen, nicht greifbaren Angst ist nun eine konkrete, greifbare Angst geworden, die mithilfe der offiziellen Bekämpfungsstrategie auch mental besser kontrollierbar wird.
  2. Durch den Kampf gegen den „Feind“ gewinnt eine auseinanderfallende Gesellschaft ein Stück ihrer Zusammengehörigkeit und Energie zurück. Dies wird zum Teil als sinnstiftend empfunden. Deshalb wird der Kampf gegen das Objekt der Angst zu einer „Mission“.
  3. Alle unterschwellig brodelnden Frustrationen und Aggressionen können sich entladen, insbesondere an der Gruppe derer, die das offizielle Narrativ kritisch hinterfragen oder gar Zweifel daran äußern. Diese Entladung erzeugt bei den Massen eine ungeheure psychische Erleichterung und Genugtuung.

Dies führt beim Einzelnen zum Erreichen eines Kipppunktes, an dem sein hochgradig unerwünschter und schmerzhafter psychologischer Zustand der diffusen Ängste und sozialen Isolation in einen Zustand maximaler Verbundenheit und Orientierung umschlägt. Die dadurch entstehende, geradezu berauschende, Hypnose-ähnliche Wirkung liefert einen ganz besonderen Anlass, dem auslösenden Narrativ zu folgen. Dabei ist es nicht wichtig, was jemand denkt. Was wirklich zählt, ist, dass alle dasselbe denken, unabhängig davon, wie absurd die präsentierten Ideen und Geschichten auch sein mögen. Sie werden von der Masse als wahr akzeptiert. Oder zumindest verhält sie sich so, als wenn sie wahr wären.

Der Effekt

Das Wesen der Massenpsychose lässt sich wie folgt zusammenfassen: Eine durch Individualismus und Rationalismus gesättigte Gesellschaft kippt plötzlich ins genaue Gegenteil um – in radikalen und irrationalen Kollektivismus. In allen großen Massenpsychosen wird als Hauptargument die Solidarität mit der Gemeinschaft angeführt. Und diejenigen, die sich daran nicht beteiligen, werden typischerweise beschuldigt, unsolidarisch und verantwortungslos gegenüber der Gemeinschaft zu sein. Deswegen spielen auch die absurdesten Elemente eines Narratives für die Massen keine Rolle: Sie glauben nicht an das Narrativ, weil es stimmt, sondern weil es eine neue soziale Verbundenheit erzeugt.

Die Strategie, dem Objekt der Angst zu begegnen, nimmt dabei rituelle Züge an. Die Funktion dieses rituellen Verhaltens dient der Erzeugung von Gruppenkohäsion – durch ein symbolisches Verhalten ordnet sich der Einzelne der Gruppe unter. Deswegen haben beispielweise die Corona-Maßnahmen vergleichsweise wenig Widerstand erzeugt. Im Gegenteil: Je absurder und fordernder die Maßnahmen sind, desto mehr erfüllen sie ihre rituelle Funktion und desto begeisterter wird ein Teil der Bevölkerung dabei mitmachen. Der Einzelne soll damit jederzeit deutlich machen, dass er sich den Interessen des Kollektivs unterordnet. Der ein oder andere geneigte Leser fühlt sich an dieser Stelle möglicherweise an meinen Blog-Beitrag zum Thema Totalitarismus erinnert.

Die Vereinnahmung des Einzelnen durch eine Massenpsychose ist dabei keine rationale Entscheidung, wird doch die Strategie zur Bekämpfung des Angstobjekts von hochrangigen „Experten“ mit respekteinflößenden Titeln in den Massenmedien kundgetan und deswegen allgemein akzeptiert.

„Die Experten werden schon wissen, was sie tun.“

„Sie können sich schließlich nicht alle irren.“

„Sie würden es doch nicht sagen, wenn es nicht stimmte.“

Und so weiter.

Diese argumentum ad populum bzw. argumentum ad auctoritatem sind für die meisten Menschen Beweis genug, um das Narrativ zu akzeptieren. Der aufmerksame Beobachter erkennt, dass die wesentliche Motivation, dem offiziellen Narrativ zu folgen, weniger seiner inhaltlichen Schlüssigkeit, als vielmehr der Gruppenkohäsion und dem Gruppenzwang entspringt.

Die Folgen

Bereits Leonardo da Vinci unterschied drei Arten von Menschen: „diejenigen, die sehen; diejenigen, die sehen, was ihnen gezeigt wird; diejenigen, die nicht sehen.“

Bei einer Massenpsychose bilden sich stets drei Gruppen von Menschen:

  1. Die Totalitarisierten, die die Geschichte glauben und die sich fest im Griff der Massenpsychose befinden.
  2. Die Gehorsamen, die möglicherweise Zweifel an der Geschichte hegen, aber dennoch mitmachen und nicht öffentlich aufbegehren.
  3. Die Non-Konformisten, die die Unstimmigkeit einer Geschichte erkennen, sie kritisch hinterfragen und sich mehr oder weniger offen dagegen aussprechen oder sogar aktiv dagegen vorgehen.

Diese Gruppen unterscheiden sich stark. Am stärksten tritt der Unterschied in der Gruppe der Non-Konformisten zutage. In der Gruppe der Totalitarisierten verschwinden die Unterschiede weitgehend unter dem Mantel des gleichmachenden Kollektivs. Die Gruppe der Gehorsamen macht mit und schweigt und fällt daher nicht weiter auf. Die Non-Konformisten hingegen machen auf unterschiedlichste Weise auf sich aufmerksam, jeder auf seine eigene Art, wodurch die Unterschiedlichkeit innerhalb der Gruppe sichtbar wird.

Das führt zu einem weiteren wichtigen Charakteristikum einer Massenpsychose: Intoleranz gegenüber anderen Meinungen und damit eine ausgeprägte Neigung zum Autoritarismus. Aus Sicht der Masse, der Totalitarisierten, erscheint das Verhalten der Non-Konformisten

  1. unsozial und unsolidarisch,
  2. völlig unbegründet, was darauf zurückzuführen ist, dass kritische Argumente in einem Hypnose-ähnlichen Zustand weder kognitiv noch emotional aufgenommen werden können,
  3. ausgesprochen abschreckend, weil dadurch die berauschende Wirkung der Massenpsychose mit ihrer maximalen Verbundenheit und Orientierung gefährdet wird und ein Zurückfallen in die unbefriedigende Zeit vor der Massenpsychose mit der fehlenden Zusammengehörigkeit und den diffusen Ängsten droht,
  4. sehr frustrierend, weil sich das Ventil zur Aggressionsentladung wieder schließen könnte.

Diese extreme Intoleranz lässt die Masse an ihre moralische und ethische Überlegenheit ihrer Absichten und die Verwerflichkeit derer glauben, die das Narrativ anzweifeln. Wer nicht mitmacht, verrät die Gemeinschaft. Petzen und denunzieren wird die neue Norm, die Bevölkerung wird zur Geheimpolizei.

Insbesondere die Möglichkeit, angestaute Frustrationen und Aggressionen ausleben zu können, erhöht die Gefahr der Übergriffe auf die Gruppe der Non-Konformisten.

To be continued