BSR 25: Gehorsam condensed

Prolog

Innerer Zweifel.

Äußerung von Zweifel.

Dissens.

Drohung.

Gehorsamsverweigerung.

Dieser Beitrag schließt an den Beitrag von der freiwillige Knechtschaft des Menschen an und betrachtet das Phänomen des menschlichen Gehorsams aus einer anderen Perspektive.

Es ist in uns

In uns allen. Das gute alte „Gehorsamkeitsgen“. Und wir können nichts dagegen machen. Und es ist keine deutsche Erfindung. Wenngleich den Deutschen gerne ein besonderes Maß an Obrigkeitshörigkeit nachgesagt wird. Vielleicht ist es sogar so. Wer weiß?

Wissen Sie eigentlich, was gerade in Ihnen vorgeht? Ich meine, nicht während Sie diese Zeilen lesen. Sondern in dieser Zeit? Der „Corona-Zeit“? Fühlen Sie sich hin- und hergerissen, durchzogen von inneren Spannungen und wissen nicht mehr, was oder wem Sie noch glauben sollen? Sie ahnen, hier stimmt etwas nicht?

Obwohl ich Sie nicht kenne, kenne ich Sie trotzdem und maße mir einen Erklärungsversuch an. Denn das, was in dieser Zeit in Ihnen vorgeht, geht in allen Menschen vor.

Allerdings, das muss ich zugeben, habe ich mir die Erklärungen nicht selbst ausgedacht. Wir wissen spätestens seit Goethe: „Alles Gescheite ist schon gedacht worden. Man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.“

Der berühmte amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram hat in den nach ihm benannten Experimenten nachgewiesen, dass ganz normale Menschen, sobald sie auf geeignete Weise in eine Autoritätsstruktur eingebunden werden, bereit sind, anderen Menschen Dinge anzutun, die sie außerhalb dieser Autoritätsstrukturen niemals täten, weil ihr moralische Gewissen sie davon abhielte.

Doch wie ist das möglich?

Werfen wir einen Blick auf die ersten Jahre unseres Lebens. Schon früh lernen wir von unseren Eltern, keine anderen Kinder zu schlagen und uns nicht an Kleineren oder Wehrlosen zu vergreifen. Was für viele Menschen ganz selbstverständlich ist, beinhaltet bei genauerem Hinsehen zwei wesentliche, aber sehr verschiedene Komponenten:

Zum einen erfahren wir von unseren Eltern einen moralischen Imperativ. Wir lernen, welches Verhalten gegenüber anderen gut ist und welches nicht gut ist. Es formt sich ein Gewissen als moralische Instanz.

Zum anderen lernen wir, unseren Eltern zu gehorchen. Denn eine Familie ist nichts anderes als ein Autoritätssystem, in das wir hineinwachsen und in dem bestimmte Vorschriften und Regeln gelten, die von unseren Eltern gemacht und durchgesetzt werden.

Das heißt mit unserer frühen moralischen Entwicklung geht unausweichlich die Einprägung einer Gehorsamshaltung einher durch die Akzeptanz unserer Eltern als Autoritätspersonen.

Mit der Einschulung betreten wir ein institutionelles Autoritätssystem, in dem wir nicht nur neues Wissen über fachliche Inhalte erlangen, sondern auch erleben, dass wir gut daran tun, dem Lehrer zu gehorchen und er wiederum gut daran tut, dem Schuldirektor zu gehorchen.

Das Ganze setzt sich nach der Schule fort, besonders im Militärdienst, aber auch in einem zivilen Beruf, wo sehr schnell deutlich wird, dass das Äußern einer eigene abweichenden Meinung nur bedingt toleriert wird und in mehr oder weniger großem Ausmaß mit sozialer Ausgrenzung oder ausbleibenden Aufstiegsmöglichkeiten „belohnt“ wird.

Autoritätsstrukturen gibt es in jeder Gesellschaft. Sie sichern Zusammenhalt und Fortschritt und sind insofern nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil. Aber mit Blick auf die heutige Zeit darf und muss die Frage gestellt werden, wo die „Entartung“ von Autoritätsstrukturen beginnt, welcher Einhalt geboten werden sollte, und wie sie entweder rechtzeitig erkannt oder von vornherein verhindert werden kann. Aber das ist ein Thema für einen anderen Blog-Beitrag.

Die Autoritätsstrukturen, mit denen wir es in unserer industrialisierten Welt heute zu tun haben, besitzen eine Besonderheit. Sie sind sehr häufig unpersönlich. Es werden Vorschriften und Gesetze erlassen von Menschen, die wir nicht kennen, die zum größten Teil nicht einmal demokratisch legitimiert sind. Und es wird von uns erwartet, dass wir uns daran halten. Tun wir dies nicht, folgen die Sanktionen rasch. Zumindest wird der Eindruck vermittelt.

Das heißt, wir wachsen in den ersten 20 oder mehr Jahren unseres Lebens in ein System aus Bestrafung und Belohnung hinein, in dem Nachgiebigkeit und pflichtgemäße Unterordnung gegenüber einer Autorität in der Regel belohnt und Aufmüpfigkeit direkt oder indirekt sanktioniert wird. Mit den Belohnungen geht für uns dabei eine tiefe emotionale Befriedigung einher, weshalb sie so attraktiv sind.

Das Ergebnis ist die Verinnerlichung einer Gesellschaftsordnung, deren Kontinuität auf diese Weise sichergestellt wird.

Eintritt in Autoritätssysteme

Der situative Kontext definiert in hohem Maße die Wahrnehmung einer Autorität. „Psychologisch bedeutet Autorität eine Person, der man in einer gegebenen Situation die Position gesellschaftlicher Macht zuschreibt. Autorität wird in einem engeren Zusammenhang akzeptiert und geht nicht unbedingt über die Situation hinaus, in der sie auftritt. […] Ein Autoritätssystem besteht also aus wenigsten zwei Personen, denen die Erwartung gemeinsam ist, dass eine von ihnen das Recht besitzt, der anderen ihr Verhalten vorzuschreiben.“

Ein Busfahrer in einem Bus wird von uns daher als Autorität innerhalb des Busses wahrgenommen, nicht aber in einem Bekleidungsgeschäft. Dort hingegen wird die Verkäuferin als Autorität wahrgenommen, die wiederum nicht im Bus als solche wahrgenommen würde. Auch in einem Flugzeug folgen die Passagiere bereitwillig den Anweisungen des Piloten, aber kaum außerhalb. Warum auch.

Es sind also weniger die persönlichen Eigenschaften, die die Macht einer Autoritätsperson bestimmen, sondern vielmehr die wahrgenommene Position innerhalb einer sozialen Struktur. Es wird sogar häufig erwartet, dass bestimmte Situationen eine soziale Autoritätsfigur haben. Diese Wahrnehmung wird begünstigt durch äußere Merkmale wie Uniformen oder Abzeichen. Aber auch das Fehlen konkurrierender Autoritätspersonen ist ein wichtiges Element in Bezug auf die „ungestörte“ Wahrnehmung einer Autorität.

Autoritätssysteme lassen sich in der Regel räumlich relativ klar abgrenzen. Damit ist auch der Übergang einer Person in ein Autoritätssystem bestimmbar, z.B. durch das Besteigen eines Flugzeugs oder eines Busses oder das Betreten eines Geschäftes oder einer Bundeswehrkaserne oder Schule.

Aus Sicht der Gesellschaft ist es wünschenswert, wenn der Eintritt in ein Autoritätssystem freiwillig geschieht, denn die „psychische Konsequenz der freiwilligen Beteiligung erzeugt ein Gefühl von Verpflichtung und Pflicht“. Auf repressive Maßnahme kann somit verzichtet werden.

Von entscheidender Bedeutung zur Legitimierung eines Autoritätssystems sind rechtfertigende Ideologien, also geeignete Interpretationen des menschlichen Daseins. Denn „wenn man die Art kontrolliert, in der jemand die Welt interpretiert, hat man bereits einen großen Schritt in Richtung auf die Kontrolle seines Verhaltens getan.“ (Weiterführender Beitrag hierzu: Social Engineering)

Erziehungswesen, Kirche und Unternehmertum haben in dem Sinne in der Vergangenheit „gute Dienste“ geleistet. Neuere Ideologien wie Umweltschutz, Klimawandel, Gesundheit, Arbeitssicherheit, Datenschutz oder Gleichberechtigung sind heutige Aktionsbereiche, deren Legitimität wir schnell bejahen und die freiwilligen Gehorsam erzeugen, weil wir das Gefühl haben, das Richtige zu tun, und unser Verhalten so sehen können, als diene es einem erstrebenswertem Ziel.

Eine Ideologie „liefert die Sichtweise, die die einzelnen Bestandteile einer Situation zu einer Einheit zusammenfasst. […] Die Menschen neigen dazu, jene Definition von Handlungen zu akzeptieren, die von einer legitimen Autorität gegeben werden.“ Wir gestehen also der Autorität zu, den Sinn unserer Handlungen zu definieren, auch wenn wir es sind, die diese Handlungen vollziehen. „Es ist diese ideologische Abtretung an die Autorität, die die hauptsächliche Erkenntnisgrundlage der Gehorsamsbereitschaft liefert. Wenn nach all dem die Welt oder eine einzelne Situation so ist, wie die Autorität sie definiert, dann gehen bestimmt Handlungen ganz folgerichtig daraus hervor.“

Im Autoritätssystem

Innerhalb eines Autoritätssystems ist bei uns ein interessanter, wenngleich besorgniserregender Effekt zu beobachten: wir werden unter bestimmten Umständen zu einem anderen Wesen mit neuen Eigenschaften. Diese unterscheiden sich mitunter grundlegend von unseren Eigenschaften, die wir außerhalb des Autoritätssystems haben.

Wer sich dabei an Stevenson’s Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Nur so ist es zu erklären, dass normale Menschen bereit sind, andere ihnen unbekannte Menschen zu quälen und zu foltern. Wer sich tiefer mit diesem Phänomen beschäftigen möchte, sei über das Buch von Stanley Milgram „Das Milgram-Experiment“ hinaus auf das Buch von Daniel Goldhagen „Hitlers willige Vollstrecker“ verwiesen.

Menschen innerhalb eines Autoritätssystems fühlen sich in erster Linie verantwortlich vor ihrer Autorität, jedoch kaum für die von der Autorität vorgeschriebenen Handlungen. Insofern findet eine Verantwortungsverschiebung statt und die Verantwortung für das eigene Handeln schwindet.

Das bedeutet nicht, dass die Moral verloren geht. Sie verlagert sich nur und bekommt eine andere Richtung. Sie äußert sich in Begriffen wie Loyalität, Pflicht oder Disziplin, die sich auf das Ausmaß beziehen, in dem jemand den Anweisungen einer Autorität nachkommt. Deshalb ist unser gängiges Erklärungsmuster für unsere Handlungen innerhalb eines Autoritätssystems, wir hätten nur nach Anweisung gehandelt und unsere Pflicht getan. Und das ist nicht einmal eine billige Ausrede, sondern schlicht der Tatsache geschuldet, dass wir uns tatsächlich in einem psychisch anderen Zustand befinden.

Unsere moralische Instanz bewertet also nicht nach einem übergeordneten Gut oder Schlecht, sondern vor allem danach, wie gut oder schlecht wir innerhalb des Autoritätssystems funktionieren.

Das Besorgniserregende dabei ist, dass unsere Handlungen innerhalb des Autoritätssystems nicht unserer eigenen Motivation entspringen. Sie unterliegen daher auch nicht den Hemmungsmechanismen, mit denen wir gelernt haben unsere aggressiven Triebe zu kontrollieren. Es ist deshalb entschieden einfacher, in einem Flugzeug auf Befehl den Knopf für einen Bombenabwurf zu drücken, der hunderte Menschen tötet, als einem einzelnen Menschen mit einem Stein den Schädel einzuschlagen.

Das heißt, „die menschliche Kultur hat nahezu völlig darin versagt, innere Hemmungen für Handlungen einzubauen, deren Ursprung in einer Autorität liegt. […] Aus diesem Grund sind Handlungen, die unter Befehl durchgeführt werden, in den Augen der betreffenden Person beinahe unschuldig, so unmenschlich sie auch sein mögen. Es ist die Autoritätsfigur, der sich der Einzelne zuwendet, um die Bestätigung seines Wertes zu erlangen.“

Damit es bei uns überhaupt zu entsprechenden Handlungen kommt, bedarf es natürlich eines Befehls von einer Autorität, der sowohl die Handlung definiert als auch deutlich macht, dass die Handlung auszuführen ist.

Gebunden im Autoritätssystem

Nun könnte man meinen, dass es nicht allzu schwer sein sollte, sich aus einem Autoritätssystem wieder zu lösen. Es gibt aber zahlreiche Faktoren, die dies erschweren und zum Großteil gänzlich verhindern.

So weist der Gehorsamsakt in der Regel Stetigkeitscharakter auf. Wenn wir plötzlich abbrechen, gestehen wir uns ein, dass unsere bisherigen Handlungen falsch waren. Durch die Fortsetzung des Gehorsams hingegen rechtfertigen alles Bisherige.

Ferner gibt es situationsbedingte Verpflichtungen, höfliches soziales Verhalten, eine Etikette, die uns davon abhält, sich aus einem einmal getroffenen Arbeitskonsens, der von allen Beteiligten akzeptiert wurde, zu entfernen. Dies hat den Charakter einer moralischen Verfehlung.

„Soziales Zusammenleben wird also durch das Wirken einer bestimmten situationsbezogenen Etikette ermöglicht, bei der jeder die von einem anderen definierte Situation respektiert und damit Konflikte, Peinlichkeiten und den unangenehmen Abbruch sozialer Kontakte vermeidet.“ Hierbei geht es nicht um den Austausch von Informationen, sondern ausschließlich um die Aufrechterhaltung der Beziehungsebene. Ist diese Beziehung hierarchisch, „wird jeder Versuch, die Situation zu verändern, als moralischer Übergriff gelten und Angstzustände, Schamgefühle, Peinlichkeitsgefühle und ein reduziertes Selbstbewusstsein hervorrufen.“

Spannung

Interessanterweise lösen sich die Angstzustände in Nichts auf, sobald der Ungehorsam vollzogen wurde. Doch woher kommen diese Angst- und Spannungszustände?

In der Regel erfolgt der Eintritt in das Autoritätssystem nicht vollständig, sondern nur unvollständig. In Abhängigkeit des auftretenden Widerspruchs zwischen unserem Gewissen als moralische Instanz und dem, was von einer Autorität von uns gefordert wird, entsteht eine innere Spannung, auch gerne als kognitive Dissonanz bezeichnet. Wir sind hin- und hergerissen zwischen dem Respekt vor und für eine Autorität, den wir als Grundregel des Sozialverhaltens verinnerlicht haben, und unserer individuellen Selbständigkeit mit unseren persönlichen Wertvorstellungen.

Die Ultima Ratio zur Auflösung von Spannungen in unserem hier beleuchteten Kontext ist die Gehorsamsverweigerung. Doch bis dorthin ist es ein beschwerlicher Weg. Wir versuchen uns in der Regel mit weniger drastischen Maßnahmen zu behelfen.

Bei der Vermeidung oder Abschirmung verschließen wir buchstäblich die Augen vor den Folgen unseres Handelns – wir wenden uns physisch ab, schauen weg, gehen Unliebsamem aus dem Weg.

Bei der Leugnung weisen wir greifbare Beweise zurück, das heißt wir ignorieren sie entweder gänzlich oder akzeptieren sie einfach nicht, „um zu einer tröstlicheren Auffassung der Geschehnisse zu kommen.“ Etwas salopp formuliert: wir machen uns selbst bewusst und gezielt etwas vor, um uns die Welt schönzureden. Oder noch anders formuliert: wir blenden Informationen gezielt aus, von denen anzunehmen ist, dass sie unsere innere Spannung erhöhen. Wir verweilen in unserer Echokammer.

Das ist die Geschehnis-Seite der Leugnung. Doch wir leugnen mit Vorliebe noch etwas anderes, nämlich die Verantwortlichkeit für unser Handeln. Diese wird gerne auf die Autorität abgeschoben, so unpersönlich und abstrakt sie auch sein mag. Wir lassen uns dabei auch vorzugsweise von der Autorität bestätigen, dass unser Handeln keine rechtlichen Folgen für uns haben wird.

Oder wir schieben Verantwortung gar auf das Opfer selbst, welches dann an seiner Situation selbst Schuld ist, sei es aufgrund von Widerspenstigkeit oder Dummheit.

Und da ist der Weg zur Diskriminierung nicht mehr weit. „Wenn das Opfer eine unwürdige Person ist, braucht man sich keine Gewissensbisse zu machen, wenn man ihm Schmerzen zufügt.“ Damit öffnet sich das Tor zur Hölle!

Wir merken uns: „Die Ablehnung der persönlichen Verantwortung […] ist die wichtigste psychologische Konsequenz der Nachgiebigkeit gegenüber Autorität.“

Auch die Suche nach Auswegen ist eine Möglichkeit, die Spannung zu reduzieren. Dabei sind wir mehr oder weniger kreativ. Wir praktizieren das, was von einer Autorität von uns gefordert wird, nur in abgeschwächter Form oder mogeln regelrecht und vereiteln damit möglicherweise sogar die Sache, um die es eigentlich geht.

Wir können auch versuchen, die Spannung durch physische Umwandlung zu lösen, was sich zum Beispiel in Schwitzen oder Zittern äußern kann.

All die genannten Maßnahmen zum Lösen oder Reduzieren der Spannung haben eines gemeinsam: ein offener Bruch mit der Autorität wird vermieden. Das heißt, es handelt sich um innere Bewältigungsmechanismen, die hier am Werk sind.

Nehmen diese eine äußere Form an, bewegen wir uns in Richtung Dissens. Wir äußern Zweifel an unserem Handlungsauftrag gegenüber der Autorität. Der Zweck besteht darin, die Richtung des Auftrags hin zu einem „spannungsärmeren Handlungsauftrag“ zu ändern, dabei aber die Beziehung zur Autorität intakt zu lassen. Wir erwarten insgeheim, dass die Autorität unsere Zweifel und Einwände genauso sieht, sie aufgreift und die Situation entsprechend ändert.

Erst wenn der Dissens nicht erfolgreich ist, kommt es zur Gehorsamsverweigerung. Dabei wird nicht nur die gegebene Anweisung nicht ausgeführt, sondern es muss durch den offenen Bruch die Beziehung zur Autorität gänzlich neu definiert werden. Dies ist mit Angst verbunden, weil der Charakter der neuen Beziehung völlig ungewiss ist.

„Der Akt der Gehorsamsverweigerung erfordert die Mobilisierung innerer Kräfte und ihre Umwandlung über den inneren Vorbehalt hinaus, über bloßes höfliches Wortewechseln in den Bereich der Aktion. Der psychische Aufwand dabei ist beträchtlich.“

Zusammenfassung

Autoritätsstrukturen sichern Zusammenhalt und Fortschritt einer Gesellschaft.

Ein Autoritätssystem besteht aus wenigsten zwei Personen, denen die Erwartung gemeinsam ist, dass eine von ihnen das Recht besitzt, der anderen ihr Verhalten vorzuschreiben.

Autorität basiert auf der wahrgenommenen Position innerhalb einer sozialen Struktur.

Der Eintritt in ein Autoritätssystem fördert mitunter neue Wesenszüge zutage, die derselbe Mensch außerhalb eines Autoritätssystems nicht zeigt.

Der freiwillige Eintritt von Menschen in ein Autoritätssystem erzeugt ein Gefühl von Verpflichtung.

Ideologien fassen die Bestandteile einer Situation zu einer Einheit zusammen und dienen zur Rechtfertigung von Autoritätssystemen.

Gehorsam entsteht, wenn Menschen

  • sich innerhalb eines Autoritätssystems befinden,
  • die dem Autoritätssystem zugrunde liegende Ideologie akzeptieren,
  • von einer legitimen Autorität konkrete Handlungsanweisungen bekommen,

denn

  • Menschen neigen dazu, jene Interpretationen der Welt (Ideologien) zu akzeptieren, die von einer legitimen Autorität stammen.
  • Menschen gestehen einer Autorität zu, den Sinn ihrer eigenen Handlungen zu definieren. („Ideologische Abtretung“ als Basis der Gehorsamsbereitschaft.)
  • Menschen innerhalb eines Autoritätssystems fühlen sich in erster Linie verantwortlich vor ihrer Autorität, aber kaum für die von der Autorität vorgeschriebenen Handlungen.
  • in der Wahrnehmung des Menschen findet eine Verantwortungsverschiebung der vorgeschriebenen Handlungen statt in Richtung der Autorität oder auch in Richtung der Opfer.
  • die vorgeschriebenen Handlungen einer Autorität entspringen nicht dem eigenen Motivationssystem und unterliegen damit nicht den natürlichen Hemmungsmechanismen.

Der Gehorsam bleibt erhalten, denn Menschen

  • rechtfertigen durch die Fortsetzung des Gehorsams ihre bisherigen Handlungen.
  • akzeptieren situationsbedingte Verpflichtungen und versuchen, Konflikte, Peinlichkeiten und den unangenehmen Abbruch sozialer Kontakte zu vermeiden.
  • beugen sich als soziale Lebewesen einem Konformitätsdruck.

Der Gehorsam geht verloren, wenn die innere Spannung größer ist als die Bindungsfaktoren des Autoritätssystems. Dieser Prozess durchläuft die Stufen

  • Innerer Zweifel.
  • Äußerung von Zweifel.
  • Dissens.
  • Drohung.
  • Gehorsamsverweigerung.

Epilog

Der Preis für die Gehorsamsverweigerung ist hoch. Und damit sind keineswegs die körperlichen Repressalien gemeint, wie sie beispielsweise wegen Befehlsverweigerung in Diktaturen drohen.

Im Falle der Gehorsamsverweigerung wird in jedem Falle ein nagendes Gefühl zurückbleiben, weil wir treulos gehandelt haben. Wir haben vielleicht die moralisch richtige Handlung gewählt, bestimmt sogar, haben aber die bestehende soziale Ordnung durchbrochen. Dies beunruhigt uns. Der Ungehorsame erlebt dies als Bürde seiner Handlung, nicht jedoch der Gehorsame.

Wenn die vorhandene soziale Ordnung jedoch degenerative Züge annimmt, ist ihr Durchbruch das Gebot der Stunde. Dann ist auch die Bürde keine Bürde mehr, sondern weicht dem Gefühl des Triumphs.

[Anmerkung: alle Zitate, sofer nicht explizit kenntlich gemacht, stammen aus dem Buch von Stanley Milgram „Das Milgram-Experiment“. ]